Neue Chancen für die Kultur in Zeiten der Krise
Ansgar Wimmer, Vorsitzender der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
aus Anlass des Jahreskongresses der „VEREINIGUNG DEUTSCHFRANZÖSISCHER
GESELLSCHAFTEN FÜR EUROPA e.V." am 10. Oktober 2009 in Duisburg.
(...)
Ich habe verstanden, dass Sie sich gemeinsam in den letzten Tagen von den
verschiedensten Perspektiven dem Generalthema „Was bewegt Europa heute:
Politik, Wirtschaft, Kultur?“ angenähert haben. Als Vorstand einer mittelgroßen
europäischen Kulturstiftung freue ich mich besonders, dass Sie sich mit dieser
Einladung an mich nochmals besonders dem Thema „Kultur in der Krise“ aus
Sicht der Praxis stellen wollen.
Vorweg gestellt sei, dass ich Ihnen aus der speziellen Perspektive einer Stiftung
berichte,
• der eine Auseinandersetzung mit Gemeinsamkeiten und Vielfalt in der
europäischen Kultur ebenso am Herzen liegt wie die deutschfranzösische
Verständigung,
• einer Stiftung, die wie ihre Basler Schwesterstiftung, die Johann Wolfgang
von Goethe Stiftung eine nicht ganz einfache deutschfranzösische
Geschichte, nämlich die Geschichte ihres Stifters, im
Rucksack mit sich führt,
• einer Stiftung, die gleichzeitig als Förderinstitution in der Krise rettender
Akteur sein soll und als Kapitalanleger Betroffene der Turbulenzen ist
• aber auch einer Stiftung, die eben in der Krise politisch und doch auch
wirtschaftlich unabhängig und mit einer gewissen Sicherheit schauen,
beobachten und analysieren kann.
Ich verspreche Ihnen, dass es dabei reiner Zufall ist, dass Sie im Anschluss an
meine Ausführungen kurze szenische Ausschnitte aus Molières „Le Malade
Imaginaire“ geboten bekommen. Dieses ist kein ironischer dramaturgischer
Einfall, aber ich nehme es trotzdem als Fingerzeig, Wimmern und Wehklagen
über die nackte Not, die tatsächlich durch viele Kulturinstitutionen saust, in
meinen Ausführungen hinten an zu stellen. Ich will vielmehr versuchen, auf die
Chancen für die Kultur in diesen wechselvollen Zeiten zu verweisen.
Dabei versuche ich, bei Ihnen fünf schlichte Gedanken oder Beobachtungen
zu den Rahmenbedingungen der Kultur in der Krise zu hinterlegen, die möglichst
praxisnah illustriert werden sollen. Diesen fünf Überlegungen seien zunächst
drei ebenso kurze Vorbemerkungen vorangestellt:
Erste Vorbemerkung
Nirgendwo ist es schwieriger, mit originellen, wirklich neuen Ideen aufzuwarten
als in der Kultur bzw. Kulturpolitik – und das wird durch die Krise nicht einfacher.
Spätestens seit Hilmar Hoffmans Forderung „Kultur für alle“ vor ziemlich genau
dreißig Jahren ist ja eigentlich alles gesagt. Menschen meiner Generation
können vielleicht noch mit der Forderung nach mehr Qualität in der Kultur, Kooperation
oder im Detail mit der Kritik des Autorentheaters überraschen.
In Wirklichkeit ist aber in Deutschland in der Kulturförderung seit vielen Jahren
jedenfalls institutionell nicht viel neues ge- und erdacht worden, die institutionellen
Innovationen kultureller Bildungseinrichtungen wie Volkshochschulen,
Bibliotheken, öffentliche Musikschulen, öffentliche Theater, Konzertabonnements
liegen über hundert Jahre und auch die Innovation soziokultureller
Zentren, von Museumspädagogik oder von Kulturentwicklungsplänen liegt nun
schon fast vierzig Jahre zurück.
Zweite Vorbemerkung – und hier begegnet ihnen der eingebildete Kranke
doch
Man braucht sich nur an Carl Spitzwegs Bild vom „Armen Poeten“ erinnern
und schon bekommt das Thema „Kultur und Armut“ bzw. „Kultur in der Krise“
viel zu schnell einen romantisierenden Zuckerguss.
Schon richtig: Beim Poeten, der im Dachzimmer im Bett liegt, um sich beim
Schreiben zu wärmen, taucht der Regenschirm als Rettungsschirm in der Ikonographie
auf, bevor sich irgendwer das Wort „Bankenrettungsschirm“ ausgedacht
hatte. Aber der romantisierende Zuckerguss kann nicht darüber hinwegtäuschen,
dass der Poet nicht wirklich glücklich dreinschaut, während er mit
den Fingern einen Floh zerquetscht.
In der Krise liegt natürlich immer irgendwie eine Chance.
Berlin ist nicht nur arm sondern auch als Stadt für bildende Künstler sexy und
lebendig, weil die Ateliermieten so niedrig sind und so ziehen die Künstler aus
anderen deutschen Metropolen in Scharen dorthin, ein Einkommen bescheren
ihnen diese niedrigen Mieten aber per se zunächst nicht, nur niedrigere Ausgaben.
Wirklich glücklich, gar besser macht Armut Kultur, jedenfalls kulturelle Bildung
aber auf Dauer nicht.
Dritte und letzte Vorbemerkung
Ich bin gebeten worden, über Chancen der Kultur in der Krise zu sprechen,
schauen Sie aber gerne, welche meiner unbefangenen Hinweise auch Anwendung
auf Ihre Arbeit in den deutsch-französischen Gesellschaften in der
Krise mit all ihren demographischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten in
der Gegenwart finden können. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich in der ein
oder anderen Aussage mit Ihrer Arbeit vor Ort wiedererkennen könnten.
(Den kompletten Vortragstext lesen) [41 KB]

