Leitartikel Juni 2010
Angesichts des bevorstehenden Kongresses vom 16. – 19. Oktober 2010 in Avignon, angesichts der Jubiläumsfeiern zum 50. Geburtstag der Städtepartnerschaft Wetzlar – Avignon am 03. Juli 2010 trifft es sich gut, dass Prof. Frank Baasner uns a) seine Gedanken zu „Städtepartnerschaften heute“ und b) das Interview mit Werner Spec, Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, zur Veröffentlichung frei gegeben hat.
Gereon Fritz, Pressereferent der VDFG für Europa e.V.
Städtepartnerschaften heute – ein aktueller Blick auf den Klassiker des Bürgereuropas
Wollen Politiker in ihren Reden zu Europa nicht nur von den gemeinschaftlichen Institutionen oder von der Regierungszusammenarbeit sprechen, sondern ein Beispiel für konkret gelebtes Europa in den Mittelpunkt stellen, kommen mit großer Wahrscheinlichkeit die Städtepartnerschaften zur Sprache. Es gibt kaum eine so weit verbreitete, unmittelbar einleuchtende und für alle Bürger prinzipiell offene Form der Kooperation innerhalb der europäischen Union (und darüber hinaus) wie die kommunalen Partnerschaften. Allerdings ist auch zutreffend, dass sich hinter diesem politisch gerne und häufig verwendeten Etikett „Städtepartnerschaften“ sehr unterschiedliche Realitäten verbergen. In den Kommentaren zum „Europa der Bürger“ kann man viele Loblieder auf diese Form der Zusammenarbeit lesen, aber auch immer wieder harsche Kritik finden. Städtepartnerschaften seien als Ansatz überholt und hätten die Phase der Nachkriegsversöhnung nie hinter sich gelassen.
In den folgenden Beobachtungen möchte ich dieses widersprüchliche Bild zum Anlass nehmen, aus den Erfahrungen des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg mit deutsch-französischen Städtepartnerschaften einige Erkenntnisse über den heutigen Zustand dieser Kooperationen abzuleiten.
Das traditionelle Bild
Als der deutsch-französische Kulturkanal ARTE seine Arbeit in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufnahm, gab es auch einige längere filmische Beiträge zu den deutsch-französischen Beziehungen. Eine der genussvoll ausführlich inszenierten Szenen betraf eine Städtepartnerschaft, wie sie anscheinend den Redakteuren als „typisch“ vorkam. Ein vorbildlich verschlafenes französisches Städtchen und eine deutsche Delegation im Reisebus, der sich seinen Weg vorsichtig durch die engen Gassen bahnt. Auf dem Platz vor dem Rathaus eine Musikkapelle, viele Fahnen – aber noch keine Offiziellen, weil der Bus überpünktlich ankommt und die Franzosen ja bekanntlich eher etwas später ankommen. Und dann der fast karikaturale Ablauf: Förmliche Begrüßung, langweilige Reden, Musik der Feuerwehrkapelle, Austausch von Vereinswimpeln und schließlich das unvermeidbare Bankett. Verständigung schwierig, weil keine ausreichenden Sprachkenntnisse, aber einvernehmliche Beteuerung, dass es nie wieder Krieg geben werde und Europa für den Bürger hier spürbar wird.
Dieses übertriebene Bild ist mit Sicherheit Teil einer menschlichen Realität und mag in der Zeit der ersten Partnerschaften in den 50er und frühen 60er Jahren auch vorherrschend gewesen sein. Vertrauen zwischen Menschen, die sich oft wenig kannten und die durch eine konfliktreiche Geschichte mehr getrennt als zusammengeführt worden waren, musste erst durch rituell anmutende Begegnungen aufgebaut werden. Diese ganz traditionelle, heute gerne belächelte Form des Austauschs scheint einem realen Bedürfnis der Menschen entsprochen zu haben, denn anders wäre schwer zu erklären, warum sich die Anzahl der Partnerschaften rasant vergrößerte. Als 1951 der Rat der Gemeinden Europas gegründet wurde, bekamen die Städtepartnerschaften einen politischen Rahmen, der sicher auch zur Verbreitung des Instruments beigetragen hat.
Die älteste deutsch-französische Städtepartnerschaft der Nachkriegszeit ist die bis heute lebendige Jumelage zwischen Ludwigsburg und Montbéliard. Wenn man die Gründungsdokumente heute liest, wird einem sowohl die große Leistung der damals Handelnden als auch die beachtliche historische Distanz deutlich. Das Pathos, mit dem die europäische Gründergeneration den Weg aus dem Krieg in die Konstruktion Europas aufzeigten und beschritten, ist noch heute bewegend. Und gleichzeitig ist es nicht leicht, den heute jungen Europäern nahe zu bringen, wie schwer diese Anfänge waren und welchen Muts und welcher persönlicher Überwindungen es bedurfte, um Menschen in einem neuen Geist der Aussöhnung und Kooperation zu motivieren.
Die Grundaufgabe der Städtepartnerschaften, nämlich das Treffen und Kennenlernen von möglichst viel Menschen möglich zu machen, ist noch heute gültig, war aber vor allem in einer Zeit von erheblicher Bedeutung, wo die Mobilität weniger ausgeprägt war, der mangelnde Wohlstand nicht viele Reisen erlaubte und wo die Kommunikationsmittel noch nicht das Zeitalter des Internet erreicht hatten. Im Rückblick kann man den Beitrag der Städtepartnerschaften für die Anfangsphase Europas, bis in die 80er Jahre des 20. Jh., gar nicht hoch genug einschätzen. Richtig ist aber auch, dass diese Aufbauarbeit irgendwann getan ist, zumal da Organisationen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk massenhaften Austausch ermöglichten und andere Strukturen wie die Regierungskooperation, die universitäre Vernetzung und die wirtschaftliche Verflechtung die Zusammenarbeit zunehmend zur Normalität haben werden lassen. Der Vorwurf, den man gegenüber den Städten hören konnte, betraf vor allem die massive Alterung der in den Städtepartnerschaften aktiven Bürger und zudem den rituellen, von wenig Inhalt getragenen Charakter der Treffen. Dieselben Politiker, die in ihren Sonntagsreden die Bedeutung der Städtepartnerschaften priesen, stöhnten hinter vorgehaltener Hand und bei ausgeschalteten Mikrophonen über die Monotonie und Nutzlosigkeit der bürgernahen Aktivitäten.
Diese pauschale Kritik, die man übrigens auch oft über die deutsch-französischen Gesellschaften hören kann, ist wenig fundiert und zeugt nur von der Unkenntnis derer, die sie äußern.
Zwischen Jubiläumsfeier und Professionalisierung
Das dfi ist in der deutsch-französischen Kooperation seit mehr als 60 Jahren aktiv – und kann somit institutionell auf eine noch längere Tradition zurückschauen als die erste Städtepartnerschaft. Eine der Aufgaben des dfi ist es, die Entwicklungen und Veränderungen der deutsch-französischen Kooperation zu beobachten und zu kommentieren. Die Position des dfi als „Observatorium“ im großen Meer deutsch-französischer Zusammenarbeit bringt es mit sich, dass die Mitarbeiter zu zahlreichen Podien, Diskussionen und Vorträgen eingeladen werden. Dabei nehmen die Städtepartnerschaften einen wichtigen Platz ein. Die letzten Jahre waren für etliche dieser Jumelages runde Jubiläen – vom 50jährigen oder 40jährigen bis in die jüngere Generation derer, die „nur“ auf 25 Jahre Partnerschaft zurückschauen. Diese mit viel Mühe, Aufwand und emotionalem Engagement organisierten Feiern kann man aus zwei Perspektiven betrachten: Auf der einen Seite sind es Zeichen des voranschreitenden Alters von erprobten bilateralen Beziehungen, wobei die Übergabe auf die jüngere Generation mehr oder weniger gut funktioniert. Auf der anderen Seite aber sind diese Jubiläen auch der Moment, wo die erhebliche Erneuerung der Partnerschaftsstruktur erkennbar wird. Denn bei allem Stolz auf die jahrzehntelange Kontinuität der Arbeit sind sich die meisten Akteure bewusst, dass heute die Aufgaben andere sind. Die Erfahrungen des dfi mit Dutzenden von Jubiläumsfeiern sind genau diese: Die Emotionalität des Versöhnungsdiskurses ist noch spürbar und wird durch ältere Bürger auch noch persönlich glaubhaft vermittelt, und gleichzeitig agiert eine jüngere, an beruflichem Austausch interessierte Gruppe von Gemeinderäten, Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitgebern, Verbandsvertretern und Bildungseinrichtungen.
Diesen Prozess bezeichnen wir als Professionalisierung. Ob es sich um geographisch nahe oder entfernte Partnerschaften handelt, die Suche nach Praxisaustausch ist bei allen gleich stark entwickelt. Wie geht die Stadtentwicklung mit Brachflächen um? Wie vermeidet man Segregation von ethnischen Gruppen der Stadtgesellschaft? Wie kann Bürgerbeteiligung organisiert werden? Diese Themen und viele mehr liegen den in städtischer Verantwortung Handelnden sehr nahe, und die meisten haben den Nutzen von internationalem Austausch schnell verstanden. Aus Wahrnehmung des dfi kann man für die deutsch-französischen (stellvertretend für zumindest alle europäischen) Partnerschaften sagen, dass die heutige Praxis durch professionell motivierten Austausch gekennzeichnet ist. Die Formen der Kooperation sind vielfältig, aber die häufigsten Ansätze sind der Austausch von „best practice“ Beispielen und gemeinsame konkrete Projekte, vor allem im Kulturbereich. Für diese Art der Zusammenarbeit lassen sich problemlos junge Bürger gewinnen, da sie zuerst über das gemeinsame Ziel und erst in zweiter Linie durch die Spezifizität der deutsch-französischen Beziehungen motiviert werden. Dabei zeigt sich übrigens auch, dass die oft angesprochene Sprachproblematik für die jüngere Generation weniger relevant scheint. Man muss nicht viele Jahre lang in der französischen Schule Deutsch gelernt zu haben, um sich für ein Austausch- und Kooperationsprojekt zu interessieren. Ob mit Englisch, mit Grundkenntnissen in Deutsch bzw. Französisch oder mithilfe anderer Sprachen – wer für ein Projekt motiviert ist, findet auch einen Weg der Kommunikation.
Ausweitung und Europäisierung
Die neuesten Entwicklungen auf europäischer Ebene und auch der Blick auf die über 2000 deutsch-französischen Städtepartnerschaften zeigen, dass die Profis der Kooperation längst den Nutzen der europäischen Förderprogramme sehen und einzubringen wissen. Mehrere Programme fördern aus Steuermitteln der EU-Bürger den Austausch und die Zusammenarbeit. In diesem Bereich gilt, was auch für die traditionelle deutsch-französische Kooperation gilt: Rituale und Praxisaustausch existieren nebeneinander. Für unsere Fragestellung ist interessant festzustellen, dass die Anreize der europäischen Fördertöpfe die ohnehin bestehenden Tendenzen beschleunigen. Die bi- oder trilateralen Städtepartnerschaften suchen gezielt nach passenden weiteren Partnern, um für die EU-Förderprogramme antragsfähig zu sein. Und hier zeigt sich die Stärke der gewachsenen Strukturen: Wer schon 50 oder auch nur 25 Jahre Erfahrung miteinander gesammelt hat, der kann auch 2-3 weitere Partner für gemeinsame Anträge und Projekte gewinnen. Dieses Beispiel zeigt konkret, wie die besonderen Erfahrungen der deutsch-französischen Partnerschaft für die anderen europäischen Partner (und weitere Länder) fruchtbar gemacht werden können. Die Zeitdimension, die leicht in den Verdacht der Vergreisung und Verstaubung gerät, entfaltet ihr Potential immer dann, wenn Erfahrung und Vertrauenskapital eingesetzt werden können.
Ein einziges konkretes Beispiel mag dies illustrieren. Die älteste deutsch-französische Partnerschaft zwischen Ludwigsburg und Montbéliard hat schon länger weitere Partner aus Tschechien und Wales. 2009 fand – zum wiederholten Male – ein mehrtägiges Fachseminar statt, wo es um die städtische Entwicklung ging. Dieses Mal war es sogar gelungen, jugendliche Gruppen in die Arbeiten einzubinden, die ihre eigenen Erwartungen in die Gestaltung ihrer Stadtteile einbringen konnten und sollten. Man stelle sich bitte konkret vor: Jugendliche, die man spontan eher der Gruppe der tendenziell „schwierigen“ Jugendlichen zugewiesen hätte, haben gemeinsam mit Alterskollegen aus den Partnerstädten gearbeitet, in vielen Sprachen, mit hoher Motivation, und mit klaren Ergebnissen. Diese Fachtagung der Partnerstädte hat auch gezeigt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die jüngeren Teilnehmer an diesem Netzwerk die gleiche Vertrautheit und Professionalität erreichen wie die beiden deutschen und französischen Gründerstädte. Man hört es in den offiziellen Reden: Für die jungen europäischen Mitgliedstaaten ist der Bezug auf die jüngere Geschichte unverzichtbar, während bei den deutsch-französischen Beziehungen die Geschichte zwar im Bewusstsein, aber nicht mehr immer im Diskurs präsent ist. Europäisierung der deutsch-französischen Erfahrungen heißt hier konkret, dass weitere Städte aus europäischen Regionen ohne größere Probleme auf das über Jahrzehnte eingefahrene deutsch-französische Tandem aufspringen können – zum Nutzen und zur Bereicherung aller Beteiligten.
Dieses Beispiel zeigt, dass man nicht vorschnell den Stab über die Institution der Städtepartnerschaften brechen soll, ohne vorher sehr genau den Einzelfall betrachtet zu haben. Die Politiker können mit guten Argumenten in ihren öffentlichen Reden die Städte als Träger des Bürgereuropas preisen – und sie können dies im Bewusstsein tun, nicht nur politisch korrekt zu sein, sondern eine neue Realität des 21. Jahrhunderts getroffen zu haben.
Frank Baasner
Direktor des Deutsch-Französischen Instituts (dfi)
Interview mit Werner Spec, Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg
Wenn Sie auf 60 Jahre Städtepartnerschaft zurückschauen, was ist der wichtigste Punkt?
Für die Nachkriegsgenerationen ist es zu einem Privileg geworden, in einem auf Frieden und Freiheit ausgerichteten Europa leben zu dürfen. Viele in der Résistance oder auch im deutschen Widerstand haben sich nach dieser Situation gesehnt.
Ihnen war in den bittersten Notzeiten des Krieges und der politischen Verfolgung klar geworden, dass die dauerhafte Überwindung von Hass und Krieg nur in einem versöhnten und vereinigten Europa gelingen kann. Dafür haben die Überlebenden von ihnen nach dem Krieg gekämpft und gearbeitet. Und getrieben von dieser Motivation kam auch die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft 1950 zustande; ausgelöst vom französischen Bürgermeister Lucien Tharradin, einem Überlebenden eines deutschen Konzentrationslagers. Durch das schrittweise Aufeinanderzugehen der Regierungschefs auf der einen Seite und die vielfachen Kontakte von Bevölkerungsgruppen durch eine wachsende Zahl von Städtepartnerschaften konnte das Ziel der Aussöhnung erreicht werden, ging der Traum der Visionäre in Erfüllung.
Nun ist die Versöhnung vollbracht, Europa ist für viele junge Menschen eine Normalität oder sogar Banalität. Wofür brauchen wir da noch Städtepartnerschaften?
Bei dieser Frage wird rasch klar, dass es heute zwar andere, aber dennoch aktuelle Herausforderungen für gemeinsames Handeln gibt. Es gibt die globalen Herausforderungen auf den Gebieten von Energie und Umweltschutz, ungelöste Aufgaben bei Bildung und Integration, bei denen man durch gemeinsamen Erfahrungsaustausch besser vorankommt.
Wo sehen Sie für Ludwigsburg-Montbéliard konkrete Aufgaben?
Es gibt für uns Europäer die Frage, ob wir helfen, die Probleme Afrikas zu lösen oder ob die Afrikaner irgendwann zu uns kommen. Mit unserem gemeinsamen Schul- und Bewässerungsprojekt als Hilfe zur Selbsthilfe können Ludwigsburg und Montbéliard sicher nicht die Probleme Afrikas lösen. Mit dieser einzigen Städtepartnerschaft hätte man aber auch nicht die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich als Grundlage für ein gemeinsames Europa erreicht. Wenn aber wiederum eine Vielzahl von Partnerstädten sich eine solche lokale Initiative vornehmen, kann in der Summe über die staatliche Entwicklungspolitik hinaus viel erreicht werden.
Deshalb haben Städtepartnerschaften nicht nur in der Vergangenheit ihre Notwendigkeit und ihren Sinn gehabt, sondern auch heute und in der weiteren Zukunft.
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