Zum Tode Joseph Rovans

Joseph Rovan

Joseph Rovan der große Mittler zwischen Frankreich und Deutschland hat uns verlassen.


Er starb am 27. Juli 2004 an einem Herzschlag als er in der Nähe seines Landhauses im Cantal in einem See badete.

Die Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa (VDFG) und ihre Mitgliedsgesellschaften trauern um den Pionier deutsch-französischer Aussöhnung und unermüdlichen Inspirator deutsch-französischer Verständigung. Er war der Arbeit der Deutsch-Französischen Gesellschaften verbunden und trotz seiner vielfältigen Verpflichtungen als Hochschullehrer, Publizist und Erwachsenenbildner konnten nicht wenige Gesellschaften ihn als Gastreferenten bei sich begrüßen.

Alle, die das Privileg hatten, ihm persönlich zu begegnen, ihn zu erleben und zu sprechen, hat er mit der Fülle seines lebendigen Geistes, seinem humanitären Engagement und der profunden Kenntnis der deutschen und französischen Verhältnisse beeindruckt. Er, der als Angehöriger einer protestantischen Familie jüdischer Abstammung und Mitglied der französischen Resistance 1944 von der Gestapo gefoltert und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde, erhielt aus dieser Erfahrung verbunden mit seiner christlichen Überzeugung die entscheidende Motivation für sein Lebenswerk, sein Engagement für die
deutsch-französische Aussöhnung und Verständigung.

Kaum jemand aus der jüngeren Generation kann heute ermessen, welcher Mut, welche politische Weitsicht und Großherzigkeit dazu gehörte, als Joseph Rovan noch im Jahr seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager mit 27 Jahren im Oktober 1945 in der französischen Zeitschrift „Esprit“ jenen berühmt gewordenen Artikel „L‘Allemagne de nos mérites“
veröffentlichte, in dem er die Franzosen zur Mitverantwortung für ein demokratisches Deutschland aufrief.

Er war zutiefst davon überzeugt, dass nur ein enges Zusammengehen von Deutschland und Frankreich zu einem zukünftigen Europa führen könnte und dies vor allem über eine bessere Kenntnis von einander und Verständigung der politischen Eliten sowie der jungen Generation beider Länder zu erreichen sei.

Gemeinsam mit Père de Riveau gründete er in den 50er-Jahren mit diesem Ziel die Organisation „Bureau international de liaison et de documentation“ (BILD), um mit ihrer deutschen Partnerorganisation „Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ)“
Fortbildung und Jugendaustausch über die Grenzen zu organisieren und die Zeitschrift für deutsch-französischen Dialog „Documents“ herauszugeben. Er leitete BILD über zwanzig Jahre lang.

1963 war er an der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks beteiligt und gehörte dem ersten Kuratorium des DFJW , in dem die entscheidenden Weichen für die konkrete Arbeit des Jugendwerks gestellt wurden, bis zum Jahre 1969 an. Auch als langjähriger Generalsekretar der französischen Bildungsorganisation „Peuple et Culture“ setzte er einen Schwerpunkt bei der deutsch-französischen Jugend- und Erwachsenenbildung.

Er war ein geschätzter Ratgeber vieler deutscher Politiker, darunter vor allem Helmut Kohl, mit dem er befreundet war. Als fruchtbarer Autor hat er uns eine Fülle von Büchern hinterlassen, die überwiegend auch in deutscher Sprache erschienen sind, darunter eine umfangreiche „Geschichte der Deutschen von ihren Ursprüngen bis heute“(1995), eine „Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie“ ((1980), „Geschichten aus Dachau“ (1989), sein deutsch-französisches Vermächtnis „Im Zeichen Europas. Deutschland und Frankreich im 20. und 21. Jahrhundert“ (2000) und seine Memoiren „Erinnerungen eines Franzosen, der einmal Deutscher war“ (2000), in denen er nicht nur sein persönliches Schicksal beschreibt ,sondern auch die vielen Persönlichkeiten,
denen er im Laufe seines Lebens begegnet ist.

Die deutsch-französische Welt ist ärmer geworden mit seinem Weggang. Wir werden ihn und seine unverwechselbare leicht angerauhte Stimme vermissen. Über sein publizistisches Werk hinaus wird uns Joseph Rovan mit seinem ungewöhnlichen deutsch-französischen Engagement und seinem lebhafen Geist mit den historischen, philosophischen und literarischen Neigungen in lebendiger und dankbarer Erinnerung bleiben. Wolfgang Linckelmann (stellv. Präsident der VDFG)





Dr. Wolfgang Lickelmann, Vize-Präsident der VDFG

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