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Am Rande notiert, Blick auf . . .

Buchtipp: „Im Schatten des Krieges – Hückeswagen und Etaples-sur-Mer“

27. März 2017 Am Rande notiert, Blick auf . . . 0 Kommentare

Am Anfang stand im Sommer 2014 eine siebenteilige Serie in der Bergischen Morgenpost über die Schrecken des Ersten Weltkriegs in Hückeswagen und Etaples. Daraus ist ein bewegendes Buch von Autor Dr. Axel Bornkessel geworden. „Im Schatten des Krieges. Hückeswagen und Etaples-sur-Mer von 1914 bis 1918“, (erschienen 2016) so der Titel des Buches des Journalisten und Filmemachers  Axel Bornkessel, der in seinem Bericht über zwei Städte aufzeigt, wie im Krieg zwischen 1914 und 1918 viele Aspekte des Alltags jenseits der Fronten auf dramatische Weise berührt und verändert wurden. Demnächst soll dazu auch eine französische Übersetzung erscheinen.


Der Autor Dr. Axel Bornkessel

Der Autor Dr. Axel Bornkessel

Unerwartete Einblicke“ habe dieses Buch eröffnet, und es gelte als Zeichen dafür, dass im Geschichtsbild der breiteren Öffentlichkeit etwas in Bewegung geraten sei. Man hofft auf weitere Arbeiten dieser Art, so das Urteil einer Rezension in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Anfang Oktober 2016. Sie behandelt eine Studie über die Geschichte zweier Städte im Ersten Weltkrieg, die heute miteinander jumeliert sind: Etaples-sur-Mer, der Fischerort im Pas-de-Calais, und die bergische Stadt Hückeswagen. Seit über vierzig Jahren besteht diese Partnerschaft und sie wird bis heute intensiv gelebt. Denn nur durch das Entgegenkommen der französischen Freunde konnte im Frühjahr 2016 im Heimatmuseum der Schloss-Stadt eine Ausstellung mit dem Titel „Im Schatten des Krieges“ eröffnet werden, die anhand weitgehend unbekannter Fotos dokumentierte, wie in den beiden kleinen Städten die Menschen zu Opfern der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wurden.

Seltene Einblicke in das Leben der Stadt zur Zeit der Grande Guerre

Daraus ist das Buch mit dem gleichnamigen Titel entstanden. Geschrieben hat es der Journalist und Filmemacher Axel Bornkessel, der dem Partnerschaftskomitee der bergischen Stadt angehört. Er war bei Recherchen in Nordfrankreich auf den großen britischen Militärfriedhof gestoßen, gelegen an der D 940 nach Etaples, wo elftausend Männer und Frauen, darunter über 600 deutsche Kriegsgefangene ruhen. Da England seine Weltkriegstoten stets dort bestatten ließ, wo man sie nach den Kämpfen fand, und die Front damals nicht bis zur Kanalküste südlich von Calais reichte, beließ der Autor es nicht bei diesem Widerspruch, sondern stellte weitere Nachforschungen an. Als Glücksfall erwies es sich zudem, dass die Stadt Etaples Fotodokumente aus dem Archiv eines Fotografen zur Verfügung stellte – seltene Einblicke in das Leben der Stadt zur Zeit der Grande Guerre.

Nur der Friedhof erinnert die Nachwelt an diese Schreckensjahre

friedhof etaplesUnerwartete Einblicke kamen zum Vorschein, vor allem in das Schicksal des Fischerortes am Ärmelkanal, der wegen seiner strategisch günstigen Lage für die Alliierten zu einem der größten Militärlager auf dem europäischen Kontinent ausgebaut wurde. Aus aller Welt wurden Soldaten des britischen Empire, später auch amerikanische Truppen hierher transportiert. Von hier aus wurden sie waggonweise zu den Schlachtfeldern an der Somme und in Flandern geschickt. Hierher kamen die wenigen zurück, die das Grauen in den Schützengräben überlebt hatten, um in den zahlreichen Hospitälern, die es einst zwischen dem Ort an der Canche und dem mondänen Badeort Le Touquet Paris-Plage gab, versorgt zu werden. Heute ist nichts mehr von jenen Riesenlagern in den Dünen am Meer zu sehen, wo einmal technisches Gerät, Waffen, Munition und das in unterirdischen Kavernen gelagerte Giftgas auf den Einsatz warteten. Nur der große britische Militärfriedhof außerhalb der Stadt ist geblieben und erinnert die Nachwelt an diese Schreckensjahre.

Das Buch von Axel Bornkessel schildert nur kurz die Geschichte des militärischen Kriegsverlaufs an der Westfront. Es behandelt vielmehr so unterschiedliche Aspekte wie Medizin, Wirtschaft und Logistik, den Arbeitseinsatz von Frauen sowie von Fremdarbeitern, die aus China, Indien, Nord- und Südafrika hierher geschafft wurden. Während die Deutschen in Hückeswagen wegen der alliierten Blockademaßnahmen Hungerwinter durchlitten und die Kriegswirtschaft des Reiches ihre weltweit renommierte Tuchweberei ruinierte, erlebte die französische Zivilbevölkerung den Krieg direkt: Es gab Bombardements durch die ersten deutschen Langstreckenflugzeuge, die von Flandern aus ihre Bombenlast an die Kanalküste trugen.

Partnerstadt Etaples-sur-Mer hat eine französische Übersetzung in Auftrag gegeben

etaplesEin einziges deutsches U-Boot versenkte im Frühjahr 1917 die gesamte Fischereiflotte der Stadt. Auch Vorkommnisse, die die offizielle britische und französische Geschichtsschreibung immer noch gerne verschweigen, werden in dieser Studie aufgrund dokumentierter Veteranenberichte behandelt: In der „année trouble“ des Jahres 1917 verweigerten die Poilus in den Schützengräben die Befehle ihrer Offiziere; im base camp von Etaples-sur-Mer kam es zu einer gewalttätigen Soldatenmeuterei unter schottischen und australischen Truppenteilen – die Stadt erlebte tagelang einen Ausnahmezustand mit Gewalt und Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Und als ob das Maß des Leides in dem kleinen Fischerort noch nicht ausgeschöpft war – kurz vor Kriegsende nahm die Spanische Grippe von Etaples aus ihren Ausgang, die Seuche raffte mit den heimkehrenden Soldaten Millionen Menschen in aller Welt hin.

Die positive Resonanz des Buches hat die Partnerstadt Etaples-sur-Mer inzwischen bewogen, eine französische Übersetzung in Auftrag zu geben. Da die Stadt nicht nur mit Hückeswagen, sondern auch mit Folkestone verbunden ist, wird auch an eine Übertragung ins Englische gedacht, denn alljährlich kommen zahlreiche britische Touristen über Calais nach Nordfrankreich, um die Schlachtfelder dort zu besuchen. Für sie dürfte die Lektüre des Buches wichtige Informationen zur Sozialgeschichte dieser europäischen Katastrophe enthalten und nicht nur die üblich gebotene Darstellung von Kriegshandlungen.


frontpage01Der Band „Im Schatten des Krieges. Hückeswagen und Etaples-sur-Mer von 1914 bis 1918“ ist im Mediabook Verlag Reil erschienen und umfasst, mit Karten und Fotos versehen 238 Seiten zum Preis von 19,80 €.


 


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