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Die VDFG gratuliert Patrick Modiano zum Literatur-Nobelpreis 2014

9. Oktober 2014 Aktuelles 0 Kommentare
Foto:dpa
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In seiner Heimat Frankreich ist der Romancier Patrick Modiano, der am 9. Oktober 2014 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, längst ein Literaturstar. In Deutschland blieb der ganz große Erfolg für den 69-Jährigen bislang aus. Das VDFG-Vorstandsmitglied Wolfgang Schwarzer stellt den  Schriftsteller und Drehbuchautor vor. 


Patrick Modiano – Literatur – Nobelpreisträger des Jahres 2014

Geboren am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt. Lebt in Paris, Schriftsteller und Drehbuchautor


„Im Juni 1942 geht in Paris ein deutscher Offizier auf einen jungen Mann zu und fragt ihn: – Pardon, Monsieur, wo ist la place de l’Etoile (der Platz des Sterns)? Der junge Mann zeigt auf die linke Seite seiner Brust.“ Diese jüdische Anekdote ist Modianos erstem Roman „La place de l’étoile“ aus dem Jahre 1968 vorangestellt. Ein pikareskes Debut, welches in halluzinatorischen Sequenzen fiktive und historische Figuren von Dreyfus und Proust bis Hitler und Eva Braun den Totentanz des 20. Jahrhunderts aufführen lässt. Der Ich-Erzähler Raphael Schlemilovitch – eine Anspielung auf Adelbert Chamissos (1781-1838)  Peter Schlehmil, den Mann ohne Schatten – vagabundiert in diesem absurden Erzählstück zwischen multiplen Identitäten. Ein Wahnsinn, der indes Methode hat und auf den Autor selbst zurückweist, welcher hier sein Thema, noch nicht aber seine spezifische Erzählhaltung gefunden hat.

Identitätsfindung ist der Motor und zentrales Motiv eines Werkes, welches häufig die Zeit der Okkupation in Paris wie einen pränatalen Traum auslotet. Die Autobiographie „Un pedigrée“ (2005) verdeutlicht, in welch schmerzhafter Weise Modiano wie ein wahrer Sohn Schlehmils als Literat auf der Suche nach dem eigenen Schatten ist.

Patrick Modiano, Sohn eines in Paris geborenen Vaters jüdischer Abstammung und einer belgischen Schauspielerin, war in seiner Kindheit und Jugend von Erinnerungen an die Atmosphäre der Besatzungszeit umgeben. Im Umfeld der Eltern bewegten sich rätselhafte Individuen, deren Vergangenheit für den Heranwachsenden undurchschaubar blieb. So verwundert es nicht, dass Rückschau, Erinnerung und Suche zu den Hauptmotiven aller seiner Romane zählen. „Wie alle diese Leute, die weder Orte noch Wurzeln haben, bin ich von meiner Vorgeschichte besessen. Und meine Vorgeschichte, das ist die verworrene und beschämende Periode der Okkupation: ich hatte immer das Gefühl, aus obskuren Gründen familiärer Art, dass ich aus diesem Albtraum heraus geboren bin.“

Thematisiert „La place de l’étoile » die Suche nach jüdischer Identität in Frankreich, so folgt „Les boulevards de ceinture“ (1972) dem Erzähler auf der Suche nach dem unbekannten Vater, der vielleicht auch ein verfolgter Jude ist. „La ronde de nuit“ (1969) zeigt einen jungen Menschen, der in der chaotischen Zeit der beginnenden deutschen Besatzung in Paris zwischen Kollaboration und Résistance schwankt. Dieses Motiv nahm das Drehbuch „Lacombe Lucien“, von Louis Malle 1974 verfilmt, wieder auf. Malle und Modiano haben in ihrem historischen Film auch eine Geschichte für die Gegenwart geschaffen. In einer Zeit, in der Ideologien vor dem Hintergrund des globalisierten wirtschaftlichen Liberalismus und der Auflösung überkommener Moral scheinbar obsolet geworden sind, verweisen sie auf das haltlose, unbehauste Individuum, das schutzlos zur Zielscheibe jeder Ideologie werden kann.

Wie intensiv die Retrospektive bei Modiano mit der Aktualität verflochten ist, belegt der Roman „Dora Bruder“ (1997), welcher auch in Deutschland zu den größten Erfolgen des Autors zählt. Die Suche nach den Spuren einer fünfzehnjährigen Jüdin, welche 1941 in Paris verschwand, erweist sich zugleich als Studie über den Umgang mit der Erinnerung in der heutigen Zeit.

Mit seinem zärtlichen und grausamen Buch, so hieß es auf dem Umschlag von „La ronde de nuit“, probe Modiano den Exorzismus einer Vergangenheit, die er nicht erlebt hat. Dies formuliert treffend die Widersprüche und den Reichtum seines Werkes. (Text:  Wolfgang Schwarzer)

 


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