Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V.
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Leitartikel

Vor welchen Herausforderungen steht die dt.-frz. Freundschaft?

11. September 2014 Leitartikel 2 Kommentare
Foto: Knoll  Jänicke
Foto: Knoll Jänicke

Leitartikel von Michael Roth MdB – Staatsminister im Auswärtigen Amt – Beauftragter der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit.


Kurz bevor Charles de Gaulle im Sommer 1963 zu den ersten deutsch-französischen Konsultationen nach der Unterzeichnung des Elysée Vertrags nach Bonn aufbrach, war seine Haltung gegenüber Deutschland noch geprägt von großer Skepsis. Verärgert über die als  französischen Interessen widersprechend empfundene pro-atlantische Haltung der jungen Bundesrepublik, sagte er über den Freundschaftsvertrag: „Verträge sind wie junge Mädchen und Rosen: Sie halten so lange, wie sie halten. Wenn der deutsch-französische Vertrag nicht zur Anwendung käme, wäre es nicht das erste Mal in der Geschichte.“

Unsere engen Beziehungen sind zu einem Inbegriff der Europäischen Versöhnung und Friedenspolitik geworden, ohne die Europa, so wie wir es heute erleben können, nie möglich gewesen wäre.

Nun haben wir im vergangenen Jahr erfolgreich das 50-jährige Bestehen des Elysée-Vertrages feiern können und es ist gut, dass die Geschichte den französischen Präsidenten in diesem Punkt widerlegt hat: seitdem sind zwei Generationen von Menschen herangewachsen, die die damals in beiden Ländern stark verbreitete Skepsis abgelegt haben. Viel ist erreicht worden und die deutsch-französische Freundschaft ist heute enger denn je. Für viele Deutsche ist Frankreich zu einem Sehnsuchtsort geworden und auch Berlin zieht mit seinem pulsierenden Leben immer mehr junge Franzosen an. Unsere engen Beziehungen sind zu einem Inbegriff der Europäischen Versöhnung und Friedenspolitik geworden, ohne die Europa, so wie wir es heute erleben können, nie möglich gewesen wäre.

Dass dies ganz gewiss keine selbstverständliche Entwicklung ist, daran erinnern uns auch andere Jahrestage, die wir in diesem großen Gedenkjahr 2014 zusammen begehen. Allen voran der Erste Weltkrieg, der, obwohl uns kaum ein Jahrhundert von ihm trennt, noch im Zeichen einer erbitterten Feindschaft zwischen unseren beiden Ländern stand. Der Beginn des zweiten Weltkrieges jährt sich dieses Jahr zum 75. Mal. Im Juni haben wir gemeinsam den 70. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie begangen, die im Jahre 1944 die Befreiung Frankreichs und Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einleitete – ein Jahr, in dem jegliche freundschaftliche Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich aussichtslos erschienen. Aber wir feiern auch Verbindendes wie die Revolution 1789, deren Geist – Freiheit, Gleichheit, Solidarität – 1989 auch die Menschen in Deutschland elektrisierte.

Wie wechselvoll und tragisch sie auch sein mag – es ist unsere gemeinsame Geschichte. Es ist wichtig, sich dies immer wieder in Erinnerung zu rufen, wenn wir gemeinsam die Aufgaben meistern wollen, vor denen wir heute in Europa stehen. Ohne einen engen deutsch-französischen Schulterschluss werden wir hier auch in Zukunft kaum vorankommen. Denn Europa und die europäische Idee sind längst kein Selbstläufer mehr, wie die jüngsten Europawahlen und das erfolgreiche Abschneiden europaskeptischer, populistischer und rechtsextremer Parteien auch in Deutschland aber vor allem Frankreich gezeigt haben. Jedoch wäre es falsch, dies als ein Signal für weniger Europa, für weniger intensive Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu verstehen. Im Gegenteil: Die von manchen Populisten geforderte Rückkehr zu den Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts kann in einer global vernetzten Welt nun wirklich kein Rezept sein. Wir sind vielmehr gefordert, die Voraussetzungen für ein besseres Europa zu schaffen – ein demokratisches Europa des Wohlstands und der Solidarität auf Grundlage gemeinsamer Werte.

Wir, vor allem Deutschland und Frankreich, haben die Verantwortung, das Erreichte zu bewahren, aber nicht im Erreichten zu verharren.

Wir, vor allem Deutschland und Frankreich, haben die Verantwortung, das Erreichte zu bewahren, aber nicht im Erreichten zu verharren. Wir müssen uns den Schwierigkeiten stellen und zeigen, dass Europa auf der Basis enger deutsch-französischer Freundschaft die richtige Antwort auf die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ist. Wir müssen uns dabei auf die zentralen Fragen konzentrieren, die wir nur gemeinsam lösen können. So können wir erfolgreich und mit Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger mehr Wachstum, Beschäftigung und sozialen Zusammenhalt, die Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion, die Stärkung der EU-Außen- und Nachbarschaftspolitik, die Lösung drängender Energie- und Klimafragen sowie die Verteidigung unserer Grundwerte erreichen. Das Herz dieser Bestrebungen sind heute mehr denn je Deutschland und Frankreich. Es ist die Stärke unserer Freundschaft, dass wir zum Teil verschiedene Perspektiven zusammenbringen können, dass wir den Ansätzen des Partners zwar bisweilen kritisch, aber vor allem auch offen gegenüberstehen. Aus dieser Position müssen wir in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen. Nur so können wir uns gegenseitig weiterbringen und die Grundlage nicht für deutsche oder französische, sondern europäische Lösungen finden.

Eine Schlüsselrolle fällt dabei der deutsch-französischen Zivilgesellschaft und insbesondere den Deutsch-Französischen-Gesellschaften und kommunalen Partnerschaften zu. Sie waren und sind die Grundlage für eine erfolgreiche Versöhnung und Freundschaft zwischen unseren Ländern – eine überaus erfolgreiche grenzüberschreitende Bürgerinitiative! Es war nie allein der politische Wille der Verantwortlichen und Eliten beider Länder, sondern das einzigartige Geflecht zwischenmenschlicher Kontakte, zu deren Aufbau die DFG’en wesentlich beigetragen haben, die den 50-jährigen Geburtstag des Elysée-Vertrags möglich gemacht haben. Dieses Netzwerk bildet seit Jahrzehnten das gesellschaftliche Rückgrat für die engen Beziehungen auf politischer Ebene und hat die Bildung eines reflexe franco-allemand begünstigt, der Kompromisse auf politischer Ebene erleichtert hat.

Seit einigen Monaten erleben die deutsch-französischen Beziehungen auf politischer Ebene einen neuen Schwung. Vom Privatbesuch Präsident Hollandes in Stralsund über gemeinsame Reisen, Initiativen und Projekte der Außenminister sowie der Regierungsbeauftragten für die bilaterale Zusammenarbeit bis hin zum besonderen Vertrauensbeweis der Teilnahme von Bundesminister Steinmeier an einer Kabinettssitzung in Paris im Mai – all dies sind deutliche Signale für die relance unserer Freundschaft. Angesichts mancher Probleme brauchen wir diesen Schwung und dieses tiefe Vertrauen dringend, denn der deutsch-französische Motor ist im europäischen Einigungsprozess gerade wegen oft sehr unterschiedlicher Ausgangspositionen weiter unverzichtbar.

Wir sind keine Gegenspieler, die sich um jeden Preis gegenseitig überholen wollen. Wir ziehen an einem gemeinsamen, europäischen Strang. Frankreich ist und bleibt dabei der wichtigste Partner für Deutschland.

Aus Frankreich sind freilich mitunter in letzter Zeit Stimmen zu vernehmen, man verliere angesichts der schwierigen eigenen Wirtschaftslage als Partner für Deutschland an Bedeutung, ja man stehe in seinem Schatten. Aber auch hier müssen wir alte Denkmuster überwinden, die sich, leider gerne von manchen Medien vereinfachend aufgegriffen, immer wieder in der öffentlichen Debatte wiederfinden. Wir sind keine Gegenspieler, die sich um jeden Preis gegenseitig überholen wollen. Wir ziehen an einem gemeinsamen, europäischen Strang. Frankreich ist und bleibt dabei der wichtigste Partner für Deutschland. Nur mit einem starken Frankreich, dessen Menschen Europa nicht als Gefährdung sozialer Errungenschaften, sondern in einer globalisierten Welt langfristig als Garant für Wohlstand begreifen, werden wir in Europa auf Dauer gemeinsam erfolgreich sein können. Daher ist eine enge bilaterale Zusammenarbeit mit Frankreich auf allen Ebenen – Regierung, Parlament, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft – von zentraler Bedeutung. Hier liegt auch der Schlüssel in der Auseinandersetzung mit Europaskeptikern und Rechtspopulisten. Nur wenn wir mit einer starken französischen Stimme für ein gemeinsames Europa eintreten, können wir denjenigen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die einer Abschottung und Rückkehr zum Modell der Nationalstaaten alter Prägung das Wort reden.

Zivilgesellschaftliche Akteure wie die Deutsch-Französischen Gesellschaften spielen hier eine maßgebliche Rolle: Sie sind auch Erklärer der „großen Politik“, auch der Unterschiede in Kultur, Mentalität oder der Herangehensweise beim Lösen gesellschaftlicher Probleme, der Rolle des Staats und des Wirtschaftssystems. Einander zu verstehen, nicht zu verurteilen, einander zu erklären, nicht zu verklären, Vertrauen auf- und Skepsis abbauen; hier liegt die zentrale Rolle der Deutsch-Französischen Gesellschaften – auch wenn die Gründergeneration dem Rentenalter zustrebt und Versöhnung und Erinnerung (zum Glück) nicht mehr die zentralen Themen sind.

Die heutigen Fragestellungen, so komplex und schwierig sie auch sein mögen, verbinden insbesondere die junge Generation unserer Länder. Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, grenzüberschreitende Berufsausbildung, Energieversorgung, Umwelt und Klima, Wissenschaft und Technologie, Kooperation von kleinen und mittleren Unternehmen, Integration und Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten, der Umgang mit fremden Kulturen, lokale Demokratie – dies alles sind Themen, die die junge Generation in ganz Europa beschäftigen. Deshalb sollten sich gerade auch die jungen Mitglieder der Deutsch-Französischen Gesellschaften dieser Fragen annehmen.

Gut ist auch, dass die VDFG zusammen mit ihrer französischen Partnerorganisation FAFA weiterhin großes Augenmerk auf die Vermittlung der Partnersprache legt und dieses Thema regelmäßig einen Schwerpunkt der gemeinsamen Jahreskongresse bildet.

Wichtig aber bleiben bei alledem – und unverändert seit den Nachkriegsjahren – die Begegnung und der Austausch über Themen wie Kunst, Theater, Sport und Musik. Gut ist auch, dass die VDFG zusammen mit ihrer französischen Partnerorganisation FAFA weiterhin großes Augenmerk auf die Vermittlung der Partnersprache legt und dieses Thema regelmäßig einen Schwerpunkt der gemeinsamen Jahreskongresse bildet. Sehr gewinnbringend ist dabei das enge Zusammenwirken der Deutsch-Französischen Gesellschaften mit den Städtepartnerschaften. Die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern darf nicht sprachlos werden!

Die deutsch-französische Freundschaft lebt vor allem durch die Zivilgesellschaft. Sie ist es, die die engen Beziehungen zwischen unseren Ländern in schwierigen Zeiten festigt und stärkt. Wahre Freundschaft wächst an den gemeinsamen Herausforderungen und verschiedenen Perspektiven – jedoch nur, wenn man auf allen Ebenen einander zuhören und verstehen will. Dass wir dies gelernt haben und die deutsch-französische Freundschaft auch im harten Alltag und zwischen den Bürgern unserer Länder leben und pflegen, ist der entscheidende Punkt, der uns von der Skepsis der Generation de Gaulle unterscheidet und aus dem Text des Elysée-Vertrages eine europäische Wirklichkeit gemacht hat. Ich zähle darauf, dass die Deutsch-Französischen Gesellschaften hier auch weiter eine wichtige Stütze bleiben.


Michael Roth MdB – Staatsminister im Auswärtigen Amt – Beauftragter der Bundesregierung für die deutsch-französische Zusammenarbeit


2 Kommentare

  1. Lena Amend schrieb am :

    Die Deutsch französische Zusammenarbeit ist auch heute noch von großer Bedeutung, denn es stehen viele neue Aufgaben bereit die in Zukunft gemeistert werden können.

  2. Ein hervorragender Leitartikel!
    Die engen Beziehungen hängen tatsächlich auch vom Verstehen im wahrsten Wortsinn und somit von der Sprache und vom sich Verständigen können ab. Die ersten Jahrzehnte der Nachkriegsgeschichte, in der die jeweils andere Sprache erlernt wurde, hat es im Übrigens auch gezeigt, dass Austausch auf friedliche Weise möglich ist, wenn man nur “miteinander redet”.


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