Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V.
Die Plattform für das bürgerschaftliche Franco-Allemand in Deutschland

Parlez-vous Deutsch? Eine Debatte (2013)

Warum lernen die Franzosen kein Deutsch mehr?“

Hildegard Stausberg, Die Welt.

Jahrestage, so schreibt die diplomatische Korrespondentin der Zeitung DIE WELT, Hildegard Stausberg, in ihrer aktuellen Ausgabe der Kolumne „Die strenge Stausberg“,  dienten der Bestandsaufnahme. Aber nach den vielen deutsch-französischen Feierlichkeiten an verschiedensten Orten, so führt sie weiter aus,  beschleiche einen das Gefühl, dass in der Vergangenheit zwar viel geleistet wurde, der Elan in der Gegenwart aber deutlich nachgelassen habe. “ Sind viele Initiativen mittlerweile nur noch Routine? Fehlt heute das Herzblut der Nachkriegsgenerationen? Verständigt man sich heute nicht meist nur noch auf Englisch?“ 

Jahrestage dienen der Bestandsaufnahme. So begehen Deutsche und Franzosen in diesem Jahr die 50.Wiederkehr der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Er gilt als Meilenstein in den deutsch-französischen Beziehungen und ist aufs Engste verbunden mit den Namen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Niemand würde wagen, das historische Versöhnungswerk der beiden Giganten zu schmälern.

Aber nach den vielen Feierlichkeiten an verschiedensten Orten beschleicht einen das Gefühl, dass in der Vergangenheit zwar viel geleistet wurde, der Elan in der Gegenwart aber deutlich nachgelassen hat. Sind viele Initiativen mittlerweile nur noch Routine? Fehlt heute das Herzblut der Nachkriegsgenerationen? Verständigt man sich heute nicht meist nur noch auf Englisch?

Im Institut français in Köln ging es um die Stellung der drei Sprachen. Eine Erkenntnis: Französisch ist bei uns immer noch die wichtigste Zweitsprache nach dem Englischen. Außerdem haben noch nie so viele Deutsche Französisch gelernt wie heute. Das wusste Ulrike Lange zu berichten, Bundesvorsitzende der deutschen Vereinigung der Französischlehrerinnen und -lehrer: Die ebenso sympathische wie engagierte Pädagogin kämpft wie eine Löwin für „ihre“ Sprache. Wie überhaupt das Französische über eine erstaunlich starke und gut organisierte Lobby in der Bundesrepublik verfügt. Zusammengefasst wird das alles in der „Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa“, einem Verbund von immerhin 141 Mitgliedsorganisationen.

Aber was passiert auf der anderen Seite der Grenze? Für Bruno Girardeau, speziell akkreditierter „Attaché für Sprache und Bildung“ in Nordrhein-Westfalen, gibt es kein Vertun: „In Frankreich nimmt die Bedeutung des Deutschen alarmierend ab.“ Früher sei das Deutsche dort eine „Elitesprache“ gewesen, heute ist die häufigste zweite Fremdsprache Spanisch. Gabriele von Fircks vom Deutschen Akademischen Austauschdienst brachte es auf den Punkt: „Englisch lässt sich nicht verdrängen, aber es tobt ein Kampf um die Zweitsprache.“

Wird das Deutsche in Frankreich eher verlieren als das Französische in Deutschland? Ist diese Schlacht sogar längst vorbei? Man kann mit einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, sicher glänzend Handel treiben, echtes Verständnis aber erwächst so nicht. Das kommt erst mit dem – mühsamen – Erlernen der Sprache.

Die Autorin ist Diplomatische Korrespondentin der „Welt“-Gruppe.


„Sprachlos in die nächste Jahrhunderthälfte“

Gereon Fritz Präsident VDFG
Gereon Fritz – damals Präsident der VDFG

Leserbrief an die „DIE WELT, 1. 9.2013, Hildegard Stausberg: Warum lernen die Franzosen kein Deutsch mehr?“ von VDFG-Präsident Gereon Fritz.

Frau Stausberg gebührt Dank für die klare Analyse des Deutschlernens in Frankreich und des Französischlernens in Deutschland. Wie das Dilemma des Rückgangs der Deutschlerner in Frankreich gelöst werden kann, weiß so recht niemand. Fakt ist, dass die Deutschlehrer an französischen Collèges und Lycées sich größte Mühe geben, um den Prozess aufzuhalten. Und wenn auch insgesamt der Eindruck negativ erscheint, so gibt es doch hier und da auch gute Entwicklungen und kleine Fortschritte. Das Etikett „Elitesprache“ hat über Jahrzehnte geschadet. Die Didaktik und oft auch die allgemeine Unterrichtsmethodik ließ und lässt zum Teil noch arg zu wünschen übrig.

Doch auch hier gibt es in Frankreich große Anstrengungen für den Weg zur Besserung. Leider ist auch in den Köpfen vieler französischen Deutschlehrer immer noch das Etikett „Elitesprache“ virulent vorhanden. Es ist nach meiner Auffassung nahezu unerheblich, ob Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache gelernt wird. Wichtig nur ist es, dass es überhaupt gelernt wird. Ein weiteres Ärgernis ist zweifelsfrei der geringe Wochenstundenansatz.

Ich weiß von französischen Gymnasien, in denen der Schulleiter in der Terminale gerade mal noch eine Wochenstunde ansetzt. Im Vergleich dazu liegt die Wochenstundenzahl für Französisch an deutschen Sekundar I – Schulen (Realschulen, Gymnasien, Gesamtschulen) zwischen 3 bis 4 Wochenstunden, die nicht kürzbar sind. Der Einsatz der Vereinigung der Französischlehrerinnen und Französischlehrer für die Erlernung der Sprache unseres Partnerlandes hat am vergleichsweise guten Stand des Französischen in unseren deutschen Schulen ein großes Verdienst.

Die VDFG für Europa, der die VdF angehört, wird auf ihrem Kongress vom 12. – 15.09.2013 in Bonn in einem großen Atelier „Sprachlos in die nächste Jahrhunderthälfte“ das Thema Sprache in beiden Ländern erörtern. Die Mitgliedsgesellschaften der VDFG und FAFA tun alles ihnen Mögliche, um die Prozesse der Spracherlernung zu optimieren. Was fehlt, ist der wirkliche politische Wille auf beiden Seiten, wie er im Elysee-Vertrag von 1963 postuliert wurde:

„Die beiden Regierungen erkennen die wesentliche Bedeutung an, die der Kenntnis der Sprache des anderen in jedem der beiden Länder für die deutsch-französische Zusammenarbeit zukommt. Zu diesem Zweck werden sie sich bemühen, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der deutschen Schüler, die Französisch lernen, und die der französischen Schüler, die Deutsch lernen, zu erhöhen.

Die Bundesregierung wird in Verbindung mit den Länderregierungen, die hierfür zuständig sind, prüfen, wie es möglich ist, eine Regelung einzuführen, die es gestattet, dieses Ziel zu erreichen. Es erscheint angebracht, an allen Hochschulen in Deutschland einen für alle Studierenden zugänglichen praktischen Unterricht in der französischen Sprache und in Frankreich einen solchen in der deutschen Sprache einzurichten.“


„Oui, nous parlons Deutsch und français.“

 

 

 

 

 

Antwort auf  Hildegard Stausberg, Die Welt. aus der Französischen Botschaft Berlin von:

Emmanuel Suard, Botschaftsrat für Kultur, Bildung und Hochschulwesen der französischen Botschaft

„In Frankreich nähme die Bedeutung des Deutschen alarmierend ab, so der Tenor Ihres Artikels. Es wäre vermessen, zu behaupten, dass diese Feststellung völlig der Wahrheit entbehrt. In der Tat hat es das Deutsche mit seinem Ruf als schwer erlernbare Sprache auf den französischen Sekundarschulen seit den 80er-Jahren nicht immer leicht. Dank bedeutender Investitionen konnte der Rückgang in den letzten zehn Jahren aber gestoppt werden. Zudem haben in Frankreich heute alle Schüler die Möglichkeit, Englisch und Deutsch als erste Fremdsprache gleichzeitig zu wählen. Dank einer aktiven Förderpolitik im Zuge des Deutsch-Französischen Ministerrats vom Oktober 2004 konnten wir die Zahl der Deutschlernenden in Frankreich (16,7 Prozent der Schüler) stabil halten, und gleichzeitig erfreut es uns, dass in Deutschland sogar ein leichter Anstieg der Französischlernenden (27,7 Prozent der Schüler) zu verzeichnen ist.

Insgesamt lässt sich bei näherer Betrachtung vielleicht kein Quantitäts-, dafür aber ein Qualitätssprung feststellen. Viele Eltern und Schüler haben erkannt, dass das Erlernen der Partnersprache und das Eintauchen in die Kultur des Nachbarn das Leben auf lange Sicht bereichern. Hierfür steht die zunehmende Zahl der gymnasialen AbiBac-Klassen (Abitur mit Doppeldiplom) sowie der zweisprachigen und europäischen Zweige beiderseits des Rheins. In diesem Schuljahr bieten in Frankreich 78 Gymnasien und in Deutschland 69 Gymnasien diesen Abschluss an. 2012 haben in Frankreich 30.534 Schüler das deutsche Sprachdiplom erworben und in Deutschland über 64.000 Schüler das französische Sprachzertifikat. Insgesamt gesehen liegt die Bedeutung der Fremdsprachen wahrscheinlich mehr als früher in der Intensität ihres Gebrauchs. Die Selbstverständlichkeit des Austauschs und der Teilnahme an Austauschprogrammen auf allen Gebieten sind hier erfreuliche Zeichen. Die Antwort auf die Frage „Parlez-vous Deutsch?“ wäre bei den Teilnehmern eindeutig – „Oui, nous parlons Deutsch und français.“

Emmanuel Suard, –  damals Botschaftsrat für Kultur, Bildung und Hochschulwesen der französischen Botschaft