Dr. Margarete Mehdorn

Auszug aus der Dissertation von Dr. Margarete Mehdorn:
Gouvernementale Kulturmission und zivilgesellschaftliche Initiativen.
Französische Kulturpolitik und Deutsch-Französische Gesellschaften
in der Bundesrepublik Deutschland - 1945 bis 1970
, Univ. Mainz


Die Arbeit erscheint im September 2009 im Boehlau Verlag, Köln, unter dem Titel:
Französische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland
Politische Konzepte und zivilgesellschaftliche Initiativen
1945-1970.
Im Buch steht der abgedruckte Text auf den Seiten 224-231.
Infos zum Buch

Da die Deutsch-Französischen Gesellschaften wegen ihrer Verbreitung und ihrer positiven Grundhaltung zu Frankreich ein großes Potential an Multiplikatoren boten, war die französische Kulturverwaltung weiter darum bemüht, gute Kontakte zu ihnen zu unterhalten und sie zugunsten der action culturelle zu nutzen. Vom 23. bis 30. Juni 1956 luden die Services culturels der Französischen Botschaft in Kooperation mit der DGRC in Paris Vertreter von Deutsch-Französischen Gesellschaften zu einer Studienreise nach Paris und Lille ein, „permettant aux animateurs de Sociétés Franco-Allemandes d’acquérir une connaissance plus approfondie de certains aspects économiques, sociaux et culturels de la vie française actuelle.“

Zum Vergrößern Foto anklicken Diese Foto-Colllage ist nicht Teil der historischen Arbeit von Dr. M. Mehdorn.

Da die gesamten Reisekosten von der Botschaft übernommen wurden, musste jedoch die Teilnehmerzahl für diese erste Reise aus Budgetgründen auf 20 begrenzt werden. Daher wählte man Gesellschaften aus Orten aus, in denen es kein Institut français oder Centre d’Etudes Françaises gab. Zu dieser Reise waren die Vertreter der Gesellschaften in Limburg, Marburg, Wiesbaden, Bad Homburg, Kassel, Giessen, Wetzlar, Heidelberg, Konstanz, Rastatt, Bochum, Bielefeld, Wupeprtal, Duisburg, Oldenburg, Kiel, Rendsburg, Flensburg, Neumünster und Baden-Baden eingeladen. Diese Reise gab vielen Vertretern der Deutsch-Französischen Gesellschaften erstmals Gelegenheit zu einem persönlichen Kennenlernen und einem intensiven Austausch über die gemeinsame Zielsetzung und über ihre Tätigkeit. Daraus entstand der Wunsch, die Kontakte aufrecht zu erhalten, sich für eine Intensivieriung der Zusammenarbeit unter den Gesellschaften einzusetzen und sich regelmäßig zu Aussprachen zu treffen, um gemeinsame Interessen zu wahren und die Arbeit der einzelnen Gesellschaften zu erleichtern. Die Teilnehmer der ersten Studienreise verfassten daher am 29.6.1956 die Resolution: Zu diesem Zweck soll ein A r b e i t s k r e i s der Deutsch-Französischen Gesellschaften und Clubs der Bundesrepublik und Westberlins, unter voller Anerkennung und Wahrung der Selbständigkeit der örtlichen Gesellschaften und ohne finanzielle Verpflichtung für diese ins Leben gerufen werden. [...]

Alle Teilnehmer der ersten Studienreise unterzeichneten diese Entschließung und verpflichteten sich, für ihre Verwirklichung einzutreten. Ein Vertreter der DFG Wetzlar und der DFG Marburg übernahmen es, die Information an die nicht anwesenden Gesellschaften weiterzuleiten und sie zur Teilnahme einzuladen. Dr. Elsie Kühn-Leitz (Foto) hatte sich bereit erklärt, gegebenenfalls die Leitung eines Arbeitskreises zu übernehmen.

Dr. Elsie Kühn-Leitz

Der Entschließung folgend lud die DFG Wetzlar genau ein Jahr nach dieser Reise, vom 26. bis 30. Juni 1957, zu einem ersten informellen Treffen der Deutsch-Französischen Gesellschaften der Bundesrepublik nach Wetzlar ein. Direkt davor hatte erneut auf Einladung der französischen Botschaft eine zweite Studienreise nach Paris für die Vertreter zwölf weiterer Gesellschaften stattgefunden. Zahlreiche Vertreter von 26 Deutsch-Französischen Gesellschaften in Deutschland kamen zu der Tagung nach Wetzlar, die auch in politischen und intellektuellen Kreisen Beachtung fand.
Deutsche und französische Professoren, Politiker, Schriftsteller und Architekten hielten [...] Vorträge [...] mit anschließenden Diskussionen. Die französische Botschaft hatte eine Ausstellung mit Werken französischer Impressionisten zur Verfügung gestellt. [...] Bundeskanzler Adenauer sandte Grussworte und Wünsche für ein gutes Gelingen.

Bei diesem Treffen trug Oberstudiendirektor Dr. Hartig aus Berlin eine von den zwölf Teilnehmern der zweiten Studienreise verfasste Stellungnahme vor, die fünf Gesichtspunkte der Arbeit der Gesellschaften aufgriff:Zuständige deutsche Stellen sollten für eine ständige Information der Deutsch-Französischen Gesellschaften über wichtige Voraussetzungen ihrer Arbeit sorgen, insbesondere über Maßnahmen, die sich aus dem deutsch-französischen Kulturabkommen ergeben.Die Services Culturels der Botschaft sollten den Gesellschaften Informationen über ihre Tätigkeiten und die Möglichkeiten, die sich daraus für die Gesellschaften ergeben, zukommen lassen. Die französische Seite hat diese Informationen zugesagt. Wie bisher sollen Kontakte über die Instituts français erfolgen, Schreiben an diese aber gleichzeitig in Kopie an die Services Culturels gesandt werden.
„Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Detusch-Französischen Gesellschaften, den Instituts français und den Centres ist notwendig, wobei die innere Selbständigkeit voll gewahrt werden soll.“ Informationsaustausch unter den Gesellschaften durch ein Mitteilungsblatt „Aktivierung der Deutsch-Französischen Gesellschaften in Richtung einer Verbesserung des französischen Unterrichtes in Deutschland im Sinne des Deutsch-Französischen Kulturabkommens.“

Bundeskanzler Adenauer und Elsie Kühn-Leitz in Rhöndorf am 6. Januar 1958

Die Gesellschaften einigten sich in dieser Sitzung zunächst auf die Herausgabe eines Mitteilungsblattes, das in Wetzlar mit anfänglicher Unterstützung der Fa. Leitz erscheinen sollte. Als mögliche Aufgabe eines bundesweiten Arbeitskreises der Gesellschaften wurden u.a. die regelmäßige Organisation von Tagungen und die Erlangung öffentlicher Zuschüsse zur Diskussion gestellt. Allerdings gab es hinsichtlich seiner Gründung zunächst kontroverse Debatten, da sich einige Gesellschaften, die an der ersten Studienreise nicht teilgenommen hatten, durch den Vorschlag in Verbindung mit der Bereitschaft von Dr. Kühn-Leitz, gegenenfalls den Vorsitz zu übernehmen, mit einem fait accompli konfrontiert sahen. Zum Abschluss des Wetzlarer Treffens, bei dem wiederholt die Notwendigkeit der Selbständigkeit der einzelnen Gesellschaften unterstrichen und daher auch die Gründung einer Dachorganisation grundsätzlich ausgeschlossen worden war, stimmten schließlich doch 21 der anwesenden Gesellschaften der Bildung des Arbeitskreis Deutsch-Französischer Gesellschaften bei Wahrung der Selbständigkeit seiner Mitglieder zu. Zur ersten Leiterin wählten die Mitglieder des neu konstituierten Arbeitskreises Dr. Elsie Kühn-Leitz, zu Mitgliedern des Arbeitsausschusses die Vertreter der DFGen Baden-Baden, Kassel, Mannheim und Wuppertal. Die Mitgliedschaft im Arbeitskreis war freiwillig und es gab einige, vor allem größere, DFGen, z.B. Hamburg, Stuttgart oder Düsseldorf, die sich vor allem aus Sorge, die Eigenständigkeit zu verlieren, nicht anschlossen. Der Vorsitzende der DFG Kiel, Prof. Gmelin, äußerte im Laufe des Jahres 1957 mehrfach schriftlich diese Vorbehalte; so schrieb er im Dezember 1957 an den Arbeitskreis:
Nach wie vor lehnen wir eine zentrale Organisation bzw. zentrale Verwaltung der Deutsch-Französischen Gesellschaften auch auf Bundesebene ab, da wir nur in einem starken Eigenleben der Gesellschaften eine wirkungsvolle Grundlage und ein Betätigungsfeld für die Verwirklichung unserer Ziele erblicken. [...]

Bei manchen gab es diese Befürchtungen einer Politisierung des Engagements, einer Instrumentalisierung oder Kontrolle durch politische Parteien oder die Regierung über eine zentrale Organisationsstruktur auch einige Jahre später noch.

Ab 1957 gab der Arbeitskreis also in der Regel zweimal pro Jahr das Mitteilungsblatt heraus und organisierte Jahrestagungen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, um den Austausch unter den Mitgliedsgesellschaften zu ermöglichen. Sie wurden mit Interesse auch von den politischen Instanzen insbesondere auch auf französischer Seite verfolgt. An diesen Tagungen nahmen regelmäßig Vertreter oder sogar die Leiter der Kulturabteilung der französischen Botschaft, bisweilen auch die Botschafter selber teil. Botschafter Seydoux, der den DFGen Pionierarbeit attestierte, war ähnlich wie François-Poncet bemüht, sie kraft seines Amtes zu unterstützen und einzubinden. „[...] personne ne pourra contester que j’ai pendant quatre années essayé de donner l’appui de l’autorité que pouvait me donner ma qualité d’Ambassadeur de France.“

In den allerersten Jahren gehörten dem Arbeitskreis nur Gesellschaften aus Deutschland an, aber es wurden sehr bald Kontakte zu ähnlichen Vereinen in Frankreich aufgenommen. Beim 5. Kongress in Berlin 1961 nahmen bereits Vertreter aus Frankreich teil und im Oktober 1962 fand erstmals ein Treffen der Gesellschaften in Frankreich in Lille statt. Seit diesem Kongress schlossen sich auch Deutsch-Französische Gesellschaften aus Frankreich dem Arbeitskreis an. Bei der Jahrestagung in Fulda 1964 beschloss die Mitgliederversammlung des Arbeitskreises, der sich bisher nur auf die Resolution von 1957 gründete, eine Satzungskommission mit der Erstellung einer Satzung zu beauftragen. Am 30./31. Januar 1965 wurde von dieser Kommission und dem Arbeitsausschuss in Wetzlar die Satzung verabschiedet und der Arbeitskreis durch die anwesenden Gesellschaften als e.V. konstituiert. Die Mitgliedschaft im Arbeitskreis blieb weiter freiwillig. Die neue Satzung des Arbeitskreises sah eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutsch-Französischen Gesellschaften in Deutschland und Deutsch-Französischen Gesellschaften in Frankreich vor. Damit war der Arbeitskreis zu einer bilateralen Organisation erweitert worden, was auch in der paritätischen Besetzung des Vorstands seinen Ausdruck fand. Nach 1964 fanden die Jahreskongresse dann alternierend in Deutschland und Frankreich statt. 1965 wurde bei der 10. Jahrestagung in Lyon erstmals ein gemeinsamer deutsch-französischer Vorstand gewählt. Deutsche Präsidentin wurde Dr. Kühn-Leitz, französischer Präsident Pierre Martin. 1967 beschloss die Mitgliederversammlung die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Botschafter François-Poncet und Botschafter Seydoux de Clausonne in Würdigung ihrer langjährigen Bemühungen und ihrer Verdienste um die deutsch-französische Verständigung.

Preisverleihung Aristide-Briand-Medaille: Elise Kühn-Leitz und der spätere französische Ministerpräsident und spätere Präsident des Europäischen Parlamentes, der Bürgermeister von Straßburg Pierre Pflimlin (Mitte) erhalten am 17. Oktober 1970 in Saarbrücken die Aristide-Briand-Medaille. 1986 bekam Pflimlin als erster den "Elsie-Kühn-Leitz-Preis" von der VDFG, der Nachfolge-Organisation des von Elsie Kühn-Leitz gegründeten Arbeitskreises

1968 wurden Sitz und Sekretariat des Arbeitskreises, dem mittlerweile 74 deutsche und französische Gesellschaften angehörten, nach Mainz verlegt, wo Subvention der Stadt und des Landes zugesagt worden waren. Der Druck des Informationsbulletins erfolgte weiterhin in Wetzlar mit Unterstützung der Leitz-Werke. Der Mainzer Oberbürgermeister Fuchs begrüßte die Verlegung des Sitzes in seine Stadt, weil Mainz seiner Ansicht nach dadurch zum Zentrum der deutsch-französischen Zusammenarbeit außerhalb der offiziellen Politik wurde. Im September 1968 wurde außerdem nach dem Verzicht von Dr. Elsie Kühn-Leitz Dr. Helmut Paetzold aus Wiesbaden zum deutschen Vorsitzenden des Arbeitskreises gewählt. Zu seiner Wahl gratulierte ihm Conseiller culturel René Cheval mit den Worten:
Vous trouverez toujours, auprès de notre Ambassade et en particulier auprès de moi-même, toute la sympathie que vous êtes en droit d’attendre de la représentation française en République Fédérale. J’attacherai toujours le plus grand prix à maintenir avec vous des relations confiantes et cordiales.

Die Finanzmittel, über die der Arbeitskreis verfügte, waren allerdings sehr begrenzt, da für die Mitglieder auch in der ersten Satzung keine Beitragspflicht festgelegt worden war. Die allgemeinen Kosten des Sekretariats hatte die DFG des Vorsitzenden zu tragen. Öffentliche Zuschüsse wurden ihm trotz der positiven Einschätzung seiner Arbeit in politischen Kreisen kaum zuteil. Adenauer schrieb 1960 an Elsie Kühn-Leitz: „Ich [...] bin froh, wenn Sie die kulturelle Bindung mit Frankreich in möglichst ausgedehnter Weise pflegen. Sie unterstützen damit unsere ganze Politik.“ Schon 1958 hatte er Elsie Kühn-Leitz aufgefordert: „Pflegen Sie daher besonders die deutsch-französischen Beziehungen!“ Dennoch war es ihr nicht gelungen, trotz Vorsprache bei Adenauer selber, vom Auswärtigen Amt finanzielle Unterstützung zu bekommen. „Le comité de Mme Kühn-Leitz, quant à lui, éprouve des difficultés financières endémiques qui sont régulièrement résolues par sa Présidente qui se révèle être une mécène fidèle et généreuse.“ Positive Auswirkungen hatte ab 1964 die Zusammenarbeit des Arbeitskreises mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, das in Folge des Elysée-Vertrages 1963 ins Leben gerufen worden war. Dadurch konnte auch der Arbeitskreis einen Schwerpunkt auf Jugendarbeit legen durch die Organisation eines eigenen Jugendseminars in Zusammenhang mit den Jahreskongressen.

1966 gehörten dem Arbeitskreis 61 Gesellschaften an, 13 von insgesamt 27 in Frankreich bestehenden Vereinen und 48 der 62 deutschen Vereine; im Sommer 1971 war die Gesamtzahl der Mitgliedsgesellschaften auf 89 angestiegen, 66 davon in Deutschland und 23 in Frankreich.

Der Arbeitskreis besteht auch im Jahr 2008 weiterhin, heute unter der 1981 gewählten Bezeichnung „Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften in Deutschland und Frankreich e.V.“ (VDFG). Dieser gehörten 2007 mehr als 130 Deutsch-Französische Gesellschaften in Deutschland und mehr als 110 Gesellschaften in Frankreich an.

(Fotos (5) aus: "ELSIE KÜHN-LEITZ. Mut zur Menschlichkeit. Vom Wirken einer Frau in ihrer Zeit" von Klaus Otto Nass (Hrsg.), Europa Union Verlag, Bonn 1994)

Begegnung: Begegnung zwischen Valéry Giscard d'Estaing und Elsie Kühn-Leitz, der Gründungspräsidentin der VDFG, am 25.3.1982 in Hannover.