Ansprache zum 60-jährigen Jubiläum der Société Amicale Franco-Belgo-Allemande
Deutsch-französische-Belgischen Gesellschaft
Köln am 13. September 2009
Neue (und alte) Herausforderungen für Deutsch-Französische Gesellschaften
von Dr. Wolfgang LinckelmannVizepräsident der VDFG
Wenn man als Freundschaftsgesellschaft und dann auch noch als trilaterale auf ein 60-jähriges Bestehen und Wirken zurückblicken kann wie die Société Amicale Franco-Belgo-Allemande, Deutsch-Französische-Belgische Gesellschaft Köln dann ist dies schon ein besonderer Anlass zum Feiern. Mit ihren 60 Jahren sind Sie so alt wie unsere Bundesrepublik mit ihren demokratischen Institutionen wie dem Bundestag, der gerade in der vergangenen Woche in Bonn seine konstituierende Sitzung vor 60 Jahren gefeiert hat. Sie gehören mit Sicherheit zu den am frühesten gebildeten Mitgliedern der (VDFG) der „Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften für Europa“ wie sie sich seit kurzem nennt, die es in ihrer Vorläufervereinigung selbst erst seit 53 Jahren gibt. Vergegenwärtigt man sich einen Augenblick die Zeit 1949 - vier Jahre nach Kriegsende – Köln noch im Aufbau nach den Kriegsbomben, britische und belgische Streitkräfte noch gegenwärtig, die Zivilgesellschaft mit ihren Vereinen und Organisationen beginnt erst zögernd, sich wiederzufinden, die Nachbarn Belgien, Niederlande, Frankreich und Großbritannien noch voller Misstrauen und Ressentiments gegenüber uns Deutschen – wer sich dies in Erinnerung ruft kann den Pioniergeist, den Mut und die Weitsicht der Gründungsväter und –mütter dieser Deutsch-französisch-belgischen Gesellschaft Köln nur bewundern. Und Sie haben es geschafft, über 60 lange Jahre ihre Ziele der Verständigung zwischen Deutschen, Franzosen und Belgiern mit praktischem Leben zu füllen. Hierzu möchte ich Ihnen persönlich wie seitens des Vorstandes der VDFG (Unser Präsident ist leider verhindert) herzliche Glückwünsche aussprechen und zugleich das hohe ehrenamtliche Engagement würdigen, das dahinter steht und Ihnen herzlich dafür danken.
Berufenere als ich werden Ihr 60-jährigens Wirken in das rechte Licht stellen. Mich haben Sie gebeten, Ihnen mit dem Blick auf die Zukunft generell etwas zu den Herausforderungen zu sagen, vor denen Deutsch-Französische Gesellschaften aus meiner Sicht heute stehen. Ich will versuchen mich dieser Aufgabe zu stellen.Eine Vorbemerkung dazu: Die VDFG besteht in der Mehrheit ihrer Mitglieder aus sog. Freundschaftsgesellschaften und in einer Minderheit aus Partnerschaftsvereinen, die sich speziell einer Städtepartnerschaft widmen. Meine Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf die Freundschaftsgesellschaften, gelten aber in einer Reihe von Punkten auch für die Partnerschaftsvereine.Herausforderungen entstehen aus geänderten Verhältnissen, politischen und gesellschaftlichen. Was hat sich in den letzten Jahren oder vielleicht in den letzten zwei Jahrzenten geändert und worauf sollten wir reagieren?
Hierzu nur einige Schlaglichter:
Die Ausgangssituation und –motivation der Nachkriegszeit besteht nicht mehr, Versöhnung mit den Nachbarn ist abgelöst durch selbstverständliche Kontakte und Zusammenarbeit mit dem Nachbarland, Europafragen sind in den Vordergrund gerückt und nach dem Fall der Mauer der Blick auf MittelosteuropaDie Individualisierung unserer Gesellschaft ist fortgeschritten, die Neigung sich an Vereine, Parteien, Gesellschaften auf Dauer zu binden ist geschwunden. Zumal Jugendliche sind eher für konkrete Aufgaben und Projekte als Vereinsmitgliedschaften zu gewinnen. Die Pluralität öffentlicher und kommerzieller kultureller Angebote erschwert das eigene attraktive Profil.Die neuen Medien, vor allem das Internet beeinflussen nachhaltig unsere Art zu kommunizieren und in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Der praktische Ausfall der Unterstützung kommunaler und anderer öffentlicher Haushalte für die Arbeit der Deutsch-Französischen Gesellschaften zwingt zu kreativer Sponsorensuche, um wenigstens herausragende Projekte finanzieren zu können.
Herausforderung: politischer Wandel
Mögliche Antworten können in zweifacher Hinsicht gegeben werden. Einmal über traditionelle Kulturelle Themen hinaus Orientierung auf gemeinsame Zukunftsaufgaben, z.B. Integration von Minderheiten in unserer Gesellschaft, Solidarität unter den GenerationenZum andern Öffnung für Drittstaaten und europäische Projekte.Gerade die jüngere Generation fragt immer häufiger nach dem Wert des Deutsch-Französischen an sich und ist stärker von europäischen Initiativen angezogen.Für die französische Generalsekretärin des DFJW Beatrice Angrand liegen in gemeinsamen Projekten mit einem dritten Partner besondere Chancen der Erneuerung der deutsch-französischen Beziehungen. Nach dem Mauerfall und begünstigt durch die Initiative der beteiligten Außenminister (sog. Weimarer Dreieck, weil in Weimar entstanden) und die Gründung des deutsch-polnischen Jugendwerkes haben sich eine Vielzahl von deutsch-französisch-polnischen Begegnungen entwickelt. Aber auch viele Programme mit anderen Drittstaaten sind entstanden, vor allem mit Mittelosteuropa.
Sie selbst bilden mit ihrer trilateralen Gesellschaft von Anbeginn eine gewisse Ausnahme und ein interessantes Beispiel für die Einbeziehung dritter Partner .Die Europäische Kommission hat eine Reihe von europäischen Förderprogrammen für Bildung und Austausch vor allem für Jugendliche wie Leonardo, Comenius und Jugend in Aktion aber auch für Bürgerengagement für Europa entwickelt. Heute können Deutsch-französische Gesellschaften für europäische Initiativen und Themen auch Unterstützung bei den Regionalbüros von Europe direct – u.a. in Köln – finden. Ich bin überzeugt, dass es auch zur Aufgabe Deutsch-Französischer Gesellschaften heute gehört, ihren Mitgliedern und der interessierten Öffentlichkeit, Europa näher zu bringen und konkret erfahrbar zu machen. Auf diese Weise können wir einen Beitrag zur Bekämpfung der schleichenden Europa-Müdigkeit leisten – wie sie sich etwa in der geringen Wahlbeteiligung bei den letzten Europa-Wahlen manifestiert hat.
Herausforderung: Ansprache der JugendEin Dauerthema und doch gilt es, sich stets von neuem zu bemühen, um Nachwuchs für das deutsch-französische und europäische Engagement zu gewinnen. Ich bin sogar der Auffassung, dass es zur raison d’être einer jeden Deutsch-Französischen Gesellschaft gehören sollte, solche Bemühungen zu unternehmen. Niemand hat ein Patentrezept , wenige haben es geschafft, eine eigene Jugendgruppe zu gründen, die auf Dauerexistiert. Hierzu gehört die Jugendorganisation der DFG Pforzheim, die seit 1976 als Europa-Club von 16 – 27-Jährigen gegründet wurde und bis heute floriert. Eine Erfahrung aus Mainz, wo es zeitweise eine informelle Jugendgruppe der DFG gab, zeigt, dass die finanzielle und organisatorische Unterstützung der Erwachsenenorganisation zumindest in der Anfangszeit unerlässlich ist, damit die Jugendgruppe Bestand haben kann.Die Erfahrung vieler DFG’s zeigt, dass es sich lohnt, die Zusammenarbeit mit den Schulen vor Ort zu suchen, um an die Jugendlichen heranzukommen, z.B. über Lesewettbewerbe in Französisch, die Auslobung von Preisen für besondere Leistungen in Französisch, Spielenachmittage in Französisch und die gemeinsame Gestaltung des deutsch-französischen Tages am 22. Januar eines jeden Jahres. Die Kölner DFG organisiert seit einiger Zeit einen Wissenschaftstag an Kölner Schulen mit französischen Experten, bei dem deutsche Schüler als Sprachmittler auftreten. Unsere Gesellschaft in Bonn lädt seit Jahren Schüler und Schülerinnen der Schulen Bonns und der Region zum Besuch des Deutsch-Französischen Forums nach Straßburg ein, der bekanntesten Studien- und Stellenbörse im deutsch-französischen Kontext. Eine begehrte Reise, denn des großen Andrangs wegen müssen wir seit einiger Zeit mit 2 Bussen fahren.
Als neue Initiative hat die DFG Bonn und Rhein-Sieg im vergangenen Jahr mit einer Reihe interessierter Schulen Bonns und der Region einen Debattierwettbewerb in französischer Sprache gestartet mit einem schulinternen Teil und einer öffentlichen Endauswahl im Haus der Geschichte. Es war ein großer Erfolg, die Schülerinnen und Schüler waren mit Engagement und Begeisterung dabei und für ihre weitere Laufbahn kann eine Debattierteilnahme auch schon einmal ein Pluspunkt sein.
Überhaupt sind Jugendliche besonders interessiert, neben Sprachkenntnissen vor allem praktische Auslandserfahrungen in Form von Praktika in Frankreich oder in einem anderen europäischen Ausland möglichst im Feld ihrer zukünftigen Berufswahl zu sammeln. Hier können DFGs und Partnerschaftsvereine mit ihren Kontakten wichtige Hilfestellung leisten, die sie bei Erfolg für junge Leute attraktiv macht.
Auch eine Zusammenarbeit mit Berufsschulen, Betrieben und Handwerkskammern mit dem Ziel der Unterstützung eines Austausches von Auszubildenden kann sich anbieten.Eine andere Form der Hilfe kann darin liegen, den freiwilligen Dienst eines Jugendlichen in der Partnerstadt zu unterstützen wie es die DFG Köln praktiziert hat.In den Universitätsstädten wird eine dort ansässige DFG auch den Versuch unternehmen, eine Zusammenarbeit mit Hochschulinstituten und dem Auslandsamt der Uni zu suchen, um auf diese Weise auch deutsche und ausländische Studenten anzusprechen. Unsere Erfahrungen in Bonn mit einem jährlichen Empfang für deutsche und französische Erasmus-Studenten zeigt allerdings auch, dass die Fluktuation unter den Studenten Projekte auf längere Dauer kaum möglich macht.
Herausforderung: Neue Medien – InternetAuch wenn die Älteren unter uns noch manchmal Schwierigkeiten haben, sich mit den neuen Medien und dem Internet vertraut zu machen so steht doch eines fest: Ohne einen lebendigen Internetauftritt mit aktuellen Nachrichten kann heute keine Deutsch-Französische Gesellschaft mehr eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit und Werbung gestalten. Gerade die jüngere Generation schaut lieber einmal schnell ins Internet als in die Zeitung, um sich zu informieren und über Anstehendes auf dem Laufenden zu halten, auch wenn ein viel verbreitetes Faltblatt zu Zielen, Aufgaben und Programm als Ergänzung sicher hilfreich ist.
Das Internet gibt zudem die Möglichkeit zu neuartiger Kommunikation mit Mitgliedern oder Interessierten z.B. über Foren und Chatrooms und Berichte mit Fotos über stattgefundene Veranstaltungen zu verbreiten.
Natürlich ist die Einrichtung und Pflege eines solchen Internetauftritts mit Kosten und Mühen verbunden, aber die Investition lohnt und nach meiner Überzeugung geht daran kein Weg vorbei.
Dies hat im Übrigen auch den Vorstand der VDFG bewogen, einen neuen Internetauftritt der VDFG in Auftrag zu geben, der seit kurzem zugänglich ist und gut besucht wird. www.vdfg.de
Bei der Einrichtung der Internetseite halte ich es im Übrigen für wichtig, sowohl Links zu verwandten Organisationen und Institutionen aufzunehmen wie bei solchen um den Link zur eigenen Organisation zu bitten.Herausforderung: Partner suchenFür viele Veranstaltungen programmatischer Art, die über das gesellige Zusammensein hinausgehen, etwa zu gesellschaftlichen und politischen Zukunftsfragen oder Kulturprojekten, bietet es sich an, sich Partner zu suchen, die ein gleiches Interesse haben, um Kosten und Organisationsaufwand zu teilen und die Veranstaltung zu einem Erfolg zu führen. Das können andere deutsch-ausländische Gesellschaften sein, das Kulturamt der Stadt, die VHS, die Universität, das Institut Français, ein kommunales Kino, Schulen und Ausbildungsstätten, Bildungsstätten und für Europa-Aktivitäten inzwischen das regionale Büro von Europe Direkt.Für die Société Amicale Franco-Belgo-Allemande bietet sich natürlich in erster Linie eine Zusammenarbeit mit dem Belgischen Haus an, in dessen Räumen wir heute zu Gast sind. Wie mir Frau Karßt berichtete
soll eine solche Zusammenarbeit anknüpfend an frühere Zeiten auch wieder angestrebt werden. Mir erschiene dies um so sinnvoller als es dann vielleicht gemeinsam gelingen kann, den immer noch relativ unbekannten Nachbarn Belgien in seiner aktuellen politischen und kulturellen Befindlichkeit den Kölnern nahezubringen, eine Aufgabe , die angesichts der Komplexheit der belgischen Verfassung sicher nicht leicht zu erfüllen ist. Aber wer anders als Sie sollten sich ihr widmen ?
Lassen Sie mich damit zum Schluss kommen im bewussten Verzicht auf weitere Herausforderungen wie etwa die Daueraufgabe Förderung der Partnersprache oder Sponsorensuche. Zu beiden können Sie auf dem
nächsten Kongress der VDFG/FAFA vom 8.-11. Oktober in Duisburg zum Thema „Was bewegt Europa heute: Politik, Wirtschaft, Kultur“zu dem ich Sie herzlich einlade, in Arbeitsgruppen Anregungen erfahren. Zur Förderung der Partnersprache hat die VDFG im Übrigen gerade ein sehr informatives und hilfreiches Faltblatt herausgebracht (Französisch was sonst ?), das beim Generalsekreteriat in Mainz bestellt werden oder von der Internetweite heruntergeladen werden kann.Vielleicht macht es auch Sinn, für bestimmte Aufgaben wie die Öffentlichkeitsarbeit und die Sponsorensuche professionelle Fortbildung für die ehrenamtlichen Vorstände zu suchen, z.B. bei den politischen Stiftungen. Dies könnte zugleich eine Anerkennungs- und Dankgeste für das ehrenamtliche Engagement im Vorstand seitens der Gesellschaften sein.
In der Société amicale franco-belgo-allemande können Sie für Ihre Mitglieder, Freunde und Interessierte Europa konkret erfahrbar machen, auch in der Zusammenarbeit mit den Partnerstädten Lille, Lüttich und auch Esch-sur-Azette.F
Für diese bleibende Aufgabe wünsche ich Ihnen ein glückliches Engagement und Erfolg !

